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Rechte sämtlicher Fotos: J. Lechtenberg

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Liebe Unterstützer und Unterstützerinnen,
der erste Monat in meinem Projekt liegt hinter mir und hier ist mein erster Unterstützerkreisbericht.
Mein Projekt: Was ist das nochmal?
Ich lebe ein Jahr als Assistant im “Farmhouse“ der "L'Arche Tahoma Hope" in Tacoma. Archen sind Wohngemeinschaften von Menschen mit Behinderung (Core Members) und Menschen ohne Behinderung (Assistants). Und so ist auch die „Aufgabe“ meiner Arche, ein Zuhause und einen Arbeitsplatz bzw. eine Beschäftigung für den Tag zu bieten. Das Arbeitsangebot wird durch zwei Projekte – Farm&Garden und Daysupport – gesichert.
Ich bin die meiste Zeit des Tages, genau genommen sieben von zehn Stunden Arbeitszeit pro Tag, auf der Farm, die direkt hinter dem Farmhouse ist. Auf der Farm arbeiten ca. zehn Core Members, von denen aber drei nicht in einem der vier Häuser (Farmhouse, Ananda, Hopespring und Anawim) der Arche, sondern bei ihren Eltern wohnen. Die Core Members kommen morgens gegen 9 zu Fuß oder mit dem Shuttlebus – nicht alle Häuser sind so nah an der Farm wie meins – und verlassen die Farm wieder gegen 3 Uhr nachmittags. Mittags essen wir alle zusammen unser mitgebrachtes Lunch und einmal die Woche am Freitag gibt es „Hot Lunch“, dann wird aus unserer eigenen Ernte (und ein paar zusätzlichen Sachen) gekocht - ein Highlight am Ende der Woche.
Ich bin nicht die einzige Freiwillige auf der Farm, außer mir sind noch eine lutherische Freiwillige und eine Jesuitenfreiwillige hier, die beide ca. drei Wochen vor mir angekommen sind. Und häufig kommen Gruppen, Schulklassen oder auch einzelne Personen, die uns helfen. Zusätzlich zu den Freiwilligen gibt es natürlich noch zwei Verantwortliche, die auch länger als ein Jahr hier sind... 
Im Farmhouse leben vier Core Members  - drei Frauen und ein Mann - und mit mir 6 Assistants. Eine der Assistants ist als house leader für das Haus verantwortlich, aber viele Aufgaben, wie einkaufen, verantwortlich für Medikamente oder das Geld zum Einkaufen und das der Core Member, werden auf die einzelnen Assistants verteilt. Ich habe keine dieser Aufgabe, weil ich ja die meiste Zeit auf der Farm bin.

Am Flughafen von Seattle wurde ich von einer Assistant und zwei Core Members abgeholt. Im Farmhouse angekommen, konnte ich mein neues Zimmer beziehen und dann gab es Abendessen. Hier wird jeden Abend um 6 Uhr gemeinsam warm gegessen und davor gebetet. Manchmal sagt jeder wofür er an dem Tag dankbar war, immer wird sich an den Händen gefasst und dann zusammen Amen gesagt. Das ist der Farmhouseprayer – kurz aber dafür jeden Abend.
Mein zweiter Tag hat mit Papierkram, Verträgen und allgemeinen Infos angefangen. Generell ist der erste Monat so eine Art Einführungsphase mit vielen Informationen zu den Besonderheiten und Herausforderungen des Lebens in der Gemeinschaft einer Arche, aber auch mit Erste Hilfe Trainings und dem Food Handler Test – wie bereite ich Lebensmittel sicher zu, ist für Gastronomiebetriebe gedacht, aber ist auch wichtig, wenn ich in der Arche koche. Da diesen Sommer sehr viele neue Assistants anfangen, bin ich bei den meisten Trainings nicht alleine.
Abends war dann noch ein Spieleabend in Anawim, bei dem ich wieder viele neue Leute kennen gelernt habe. So viele Namen auf einmal, die kann ich mir gar nicht alle merken.
Mittwochabend war meine erste Community night. Mittwochs sind alle Assistants in den Häusern – die zwei freien Tage pro Woche sind auf die anderen sechs Wochentage verteilt -  und deswegen kommen mittwochs öfter alle Archemitglieder in einem der Häuser zusammen, um gemeinsam zu essen. Diese Woche war es im Farmhouse und zusätzlich waren noch die vier Jesuiten– und lutherischen Freiwilligen, die nicht auf der Farm arbeiten, da, das heißt noch mal ganz viele neue Gesichter und immer werde ich gefragt, wie es mir geht, und ob es mir gefällt – das kann ich nach zwei Tagen doch noch gar nicht so genau sagen..

An meinem ersten Tag auf der Farm habe ich Zucchini und Sommerkürbis geerntet. Meistens gucken eine andere Freiwilliger oder ich welcher Kürbis gut ist und ein Core Member sammelt dann das Gemüse mit einer Schubkarre ein. Denn wie heißt es hier so oft: Teamwork is Dreamwork!
Das Gemüse kontrollieren, kann man eigentlich fast jeden Tag – Zucchini und Kürbisse wachsen so schnell, dass die Pflanzen, die gestern noch viel zu klein waren, ein paar Tage später schon viel größer sind als die, die man im Supermarkt finden kann.
Wenn die Kürbisse fertig geerntet sind, gibt es auch noch ganz viele verschiedene Tomatenarten - rote ,in verschiedenen Größen, aber auch gelbe, schwarze und grün gestreifte Tomaten – zu ernten. Und nach dem Ernten müssen die Tomaten ja auch noch nach Größe und Farbe sortiert werden, solange dass noch nicht bei der Ernte passiert ist.
Nach einem Tag im Lagerraum, kann man die Tomaten schon wieder sortieren, diesmal nach gut und schlecht und zu weich zum verkaufen, aber noch gut für Tomatensauce. Die schlechten Tomaten werden kompostiert und dann als Dünger verwendet oder an die Hühner verfüttert.
Die guten Tomaten werden mittwochs für die vier Häuser der Arche eingepackt, zusammen mit Zucchini, Kürbissen, Salat, Paprika, Möhren, roter Beete, Äpfeln und noch ein paar mehr Sachen, die meistens erst kurz vorher geerntet werden.

Donnerstags und Samstags ist Markt, dann packen wir am Tag vorher den Van mit ganz vielen Blumentöpfen aus den drei Gewächshäusern. Wir haben viele Kräuter, aber auch Blumen, Erdbeeren und Salat. Unsere Ernte wird natürlich auch auf dem Markt verkauft.
Da der Winter immer näher kommt, beginnt die Bastelsaison. Wir machen Karten und kleine Notizbücher aus selbst geschöpftem Papier, die mit Figuren aus getrockneten Blüten und Blättern verziert werden. Die Basteleien werden dann auf speziellen Märkten ab November verkauft.
Viele Core Members können selbstständig arbeiten, und jeder hat seine eigenen Aufgaben, die er am Besten kann oder die außer ihm keiner kann. So füllen manche Core Members Töpfe mit Erde, während andere Tomaten ernten und sortieren. Die einzelnen Schritte der Bastelarbeit werden auch verteilt. Häufig ist es hilfreich, zu erinnern, konzentriert zu bleiben, nicht zu viel oder zu wenig Kleber zu verwenden oder solche Sachen.
Je besser ich die einzelnen Core Members kennen lerne, desto besser gefällt mir auch die Arbeit – das gilt sowohl für das Haus als auch auf für die Farm. Jetzt weiß ich zum Beispiel, dass es manchmal besser ist, vom Duschen der Tomaten, statt vom gießen zu reden... Allgemein hat jeder Core Member seine eigene Art zu sprechen – sehr bildlich, mit spezieller Aussprache oder auch mit Zeichensprache.
Im Farmhouse ist eine Core Member, die Zeichensprache verwendet und weder hört noch spricht und eine andere die jedes Wort mit den Fingern buchstabiert, aber dafür hört was man sagt. So ist an der Kommunikation nicht das englisch sprechen, dass schwierigste, sondern viel mehr, die Zeichensprache. Mittlerweile kann ich schon einige Zeichen und verstehe auch manches. Es ist aber ungewohnt zu wissen, dass nicht alle merken, wenn z.B. das Radio läuft.
Die einzelnen Zeichen für die Buchstaben zu lernen, ist einfacher, da gibt es nicht so viele... Dafür verliere ich mich oft in den Wörtern und vergesse die ersten Buchstaben, wenn das Wort zu Ende ist oder merke gar nicht, wann ein Wort zu Ende ist. Zum Glück, bin ich aber nicht die Einzige, der das so ergeht, und es wird ja auch immer besser.
Oben habe ich noch geschrieben, dass vier Core Members im Farmouse wohnen, aber das stimmt nicht mehr. Vor zwei Wochen hat sich ein Core Member das Bein gebrochen, weil er in der Küche ausgerutscht ist, und schon hatten wir für die nächsten Tage einen Rollstuhlfahrer mehr. Nach der OP ist es für die Reha einfacher, wenn dieser Core Member wo anders wohnt, und schon sind nur noch drei Core Members im Haus.

Letztes Wochenende war das Communitywochenende in Seabeck, die ganze Arche fährt für zwei Tage zusammen weg. Auf der Farm waren viele schon Wochen vorher aufgeregt und voller Vorfreude. Was kann für die Talentshow vorgeführt werden? Wie gestalten wir das Gebet, an dem Abend an dem wir dran sind?
Das Thema dieses Jahr war: Embrassing the call  - Wie sind wir zur Arche gekommen und warum sind wir geblieben? Darum ging es in im Programm am Samstag, die meiste Zeit haben wir uns in Kleingruppen darüber ausgetauscht.
Doch wie bin ich eigentlich zur Arche gekommen? Die Idee, einen Freiwilligendienst zu machen, hatte ich schon länger. Letzten Winter habe ich dann nach möglichen Projekten recherchiert und bin so auf meine Endsendeorganisation: In Via Köln e.v. gestoßen. Nach einem zweitägigen Auswahlwochenende Ende Februar, einem Skypegespräch mit meiner Arche, einem 2,5 wöchigem Praktikum bei der  ASB Tagesförderstätte in Bremen, zwei einwöchigen Vorbereitungsseminaren und natürlich der Sponsorensuche – vielen Dank für eure Unterstützung! - bin ich jetzt hier in der Arche angekommen. Und bleibe hier für ein Jahr.

J. Lechtenberg

Julia Lechtenberg versieht ihren Dienst in Einbindung mit der IN VIA gGmbh.

IN VIA gGmbh